Georgien

Der Lagodekhi Nationalpark: wilde Natur, wilde Trinkkultur und wilde Abschleppfahrt

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Unterwegs im Lagodekhi NP // Wir lernen die georgische Trinkkultur kennen // Mit dem Bagger aus dem Wald // Georgische Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft // Der Anruf beim berühmten Politiker // Die halsbrecherische Fahrt mit dem Abschlepper

Georgien hat viel wilde Natur und schöne Landschaften zu bieten. Besonders die Berge des großen Kaukasus bieten noch unberührte Natur  wie es sie in Zentraleuropa nicht mehr gibt. Im Lagodekhi Nationalpark wird der letzte Urwald Europas geschützt. Im Vashlovani Nationalpark im Südosten Georgiens findet man hingegen eine unberührte Steppenlandschaft die stark an die Landschaften im Süden Afrikas erinnert.

 

Unterwegs im Lagodekhi NP

Der Lagodekhi NP liegt nördlich der gleichnamigen Stadt. Es gibt ein Nationalpark-Zentrum (Koordinaten 41.843636, 46.282819), in dem wir uns über die Ausflugsmöglichkeiten informiert haben und zudem einen tollen Stehplatz bekamen. Von hier aus gibt es 4 Möglichkeiten:

  1. 3-Tages-Wanderung zu einem in den Bergen gelegenen See. Es gibt die Möglichkeit in einer Berghütte unterhalb des Sees zu übernachten.
  2. Wanderung zum kleinen Wasserfall: kurze Wanderung für die man ca. 3h benötigt, Hin-und Rückweg sind gleich
  3. Wanderung zum großen Wasserfall: Ganztagestour, Der Startpunkt liegt an einer Rangerhütte ca. 20km entfernt vom Nationakparkzentrum.
  4. Kurze Wanderung oder Reittour zu einer Burgruine: Ausgangspunkt ist ein Parkplatz ca. 10km entfernt vom Nationalparkzentrum

Georgien: Lagodekhi NP

Wir haben den Stehplatz im Wald erst einmal für eine Verschnaufpause genutzt. Zudem hat mich eine Erkältung erwischt die auskuriert werden wollte. Dennoch haben wir einen Spaziergang in Richtung der 3-Tages-Tour unternommen. Wir sind den ersten Kilometern des Wanderweges gefolgt. Dabei sind wir über einen Fluss gekommen zu einem wunderschönen von Blumen bewachsenen Flussbett. Etwas weiter hat uns der Weg zurück in den Wald geführt und irgendwann beginnt der steile Anstieg. So weit sind wir dann aber nicht mehr gelaufen.

Georgien: Lagodekhi NP

An einem Abend haben wir Matt und Jasi (pedalpromise) getroffen. Sie radeln von der Schweiz nach Australien und nutzen den NP ebenfalls als vermeintlich sichere Bleibe. Leider gibt es zu dem Zeitpunkt als wir vor Ort sind unschöne Zwischenfälle: jemand brennt nachts Löcher in Zelte um Dinge zu stehlen. Zum Glück bleiben wir davon völlig unbehelligt. Außerdem treffen wir Victoria, die vom Schwarzen zum Kaspischen Meer gewandert ist (mittlerweile hat sie ihr Ziel erreicht!).

Trotz allem verbringen wir mit allen einen gemütlichen Abend am Lagerfeuer. Am nächsten Tag wandern wir mit Victoria zum kleinen Wasserfall.

Georgien: Lagodekhi NP

 

Wir lernen die georgische Trinkkultur kennen

Abends werden wir von einem Mitarbeiter des Restaurant „Waldcafé“ gemeinsam mit Victoria zum Essen bzw. Trinken eingeladen. Wir verbringen mit dem netten Mann einen feucht fröhlichen Abend. Er hat selbstgemachten Wein dabei – 5 Liter! Wir bekommen zum ersten Mal die traditionellen Trinkgewohnheiten der Georgier mit: getrunken wird aus einem kleinen Wasserglas. Und zwar das gesamte Glas auf einmal.  Der Wein ist wirklich gut und wir trinken ihn wie gewohnt langsam Schluck für Schluck, unser Gastgeber findet das merkwürdig und hält uns wohl für verweichlicht.  Vor jedem Glas wird ein Trinkspruch von einem in der Runde gesprochen. Klassische Themen auf die getrunken wird sind Familie, Freunde, Frauen, die Natur, oder ähnliches. Getrunken wird erst nachdem der Redner seine Ausführung beendet hat. Insbesondere gegen Ende des Abends können solche Trinksprüche auch mal gerne 5-10 Minuten andauern und etwas zäh werden. Als besondere Trinkeinlage holt unser Gastgeber eine Holzschale als Trinkgefäß. Das sei eine traditionelle Trinkschle, aus der man auf ex trinken MUSS. Oh je! Zum Glück bekommen Frauen etwas weniger in die Schale gefüllt als Männer… So gehen Glas um Glas und Stunde um Stunde vorbei. Nachdem der 5 Liter Weinkanister so gut wie geleert ist und Viktoria als Übersetzerin aufgrund des Alkoholpegels an ihre Grenzen stößt, begeben wir uns trunken ins Bett…

 

Mit dem Bagger aus dem Wald

Am nächsten Morgen möchten wir in Richtung Armenien aufbrechen. Doch an diesem Tag verlässt uns unser Glück. Um aus dem Waldstück herauszukommen müssen wir den Bus wenden, um mit Anlauf über ein etwas steileres Stück zu fahren Der Platz zum Wenden ist sehr eng und zudem ist der Boden schlammig. Wir können nur in einem schlechten Winkel den Hügel anfahren und bleiben am rutschigen Hügel hängen, der Motor geht aus. Das Problem mit der leuchtenden Code-Lampe der Wegfahrsperre, dass auf dem Weg nach Mestia begann, wird uns zum Verhängnis. Balu springt nicht mehr an. Wir müssen den Fehlerspeicher auslesen lassen um die Ursache zu finden. Zuerst müssen wir allerdings aus dem Wald raus. Zum Glück ist nebenan ein Bagger am Werk, der uns mit unserem Abschleppseil aus dem Wald zum Ausgang des Nationalparks schleppt.

Georgien: mit dem Bagger aus dem Wald

 

Georgische Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft

Die hilfsbereiten Arbeiter empfehlen uns eine Werkstatt ca. 2km vom Nationalparkzentrum entfernt. Bis dorthin geht es idealerweise stetig leicht bergab. Ohne Bremskraftverstärker rollen wir hinter einem Fahrzeug her, über die doch recht ramponierte Straße, bis an das Haus von Zaza. Zaza arbeitet in der Touristeninformation und spricht super englisch. Zunächst verständig er jemanden mit einem Auslesegerät für den Fehlerspeicher unseres Balu. Bis der Mechaniker kommt dauert es eine Weile und nach ein paar Minuten  werden wir von den Nachbarn  zu Kaffee und Bonbons eingeladen.

Leider hat der Mechaniker nicht das passende Auslesegerät für unser Auto, so bleibt uns nichts anderes übrig als uns zur einzigen Fiat Werkstatt in Georgien in Tiflis schleppen zu lassen. Wir rufen den ADAC an, um einen Abschleppdienst zu beauftragen.  Während man in Deutschland normalerweile rund eine Stunde auf den Abschleppdienst wartet, müssen wir hier  4 Stunden warten. Wir sitzen bei den freundlichen Nachbarn bei Kaffeee und Plätzchen am Tisch.

Als sie mitbekommen, dass es noch sehr lange dauern wird bis der Abschlepper kommt beratschlagen sie was sie für uns  zu Essen zubereiten können. Mittlerweile ist auch eine weitere Nachbarin hinzugekommen und die beiden Familien ziehen los, um in den Speisekammern nachzusehen was sie zubereiten könnten.  Anschließend wird das Mahl kurz besprochen und die Frauen beginnen mit der Arbeit in der Küche. Eine Stunde später wird ein Festmahl für uns aufgetischt mit hausgemachten, traditionellen georgischen Speisen. Jeder hat das Beste zubereitet was im Haushalt zu finden war. Wir müssen alles probieren und je mehr wir essen umso mehr freuen sich die Hausfrauen wenn wir mit dem Daumen nach oben zeigen und lächeln.

Als Highlight  holt der Hausherr seinen besten Cognac aus dem Schrank: er ist aus dem Jahr 1965 und eine echte Besonderheit. Leider sind wir nach dem Trinkgelage am vergangenen Abend noch nicht so recht in Trinkstimmung. Doch aus Höflichkeit gibt es kein Entkommen. Nur gut, dass Frauen nicht so viel trinken müssen… Fridolin hingegen wird wiederholt aufgefordert sein Glas doch endlich zu leeren, damit nachgeschüttet werden kann.

Georgien: Gastfreundlichkeit

 

Der Anruf beim berühmten Politiker

Zwischenzeitlich versuchen wir herauszufinden wo der Abschlepper bleibt. Der ADAC gibt uns die Nummer des Abschleppdienstleisters in Georgien, bei dem wir uns direkt erkundigen dürfen. Als Zaza die Nummer anruft und mit dem Angerufenen spricht wirkt er plötzlich verdutzt. Wir warten ab, bis er das Telefonat beendet und für uns übersetzt. Er erzählt uns, dass er einen hochrangigen georgischen Politiker am Apparat hatte, den er aus dem Fernsehen kennt. Dieser war vor vielen Jahren tatsächlich mal Leiter des Abschleppdiensts, daher scheint die Nummer noch beim ADAC hinterlegt zu sein.

 

Die halsbrecherische Fahrt mit dem Abschlepper

Nachdem wir satt und voll sind kommt nach laaaaanger Wartezeit endlich der Abschlepper. Leider ist dieser, trotz unserer vielen Angaben, irgendwie ziemlich klein. Fast zu klein für Balu, der nur ganz knapp darauf passt und ziemlich ächzt unter dem Gewicht. Nach einem langen Abschied von den netten hilfsbereiten Familien beginnt die Fahrt. Mittlerweile ist es dunkel und leichter Nieselregen setzt ein. Nicht nur, dass der Abschlepper irgendwie zu klein ist für unser Auto, er verzögert auch nur geringfügig beim Betätigen der Bremse. Das Schlimmste ist aber, dass ein Georgier am Steuer sitzt. Die Georgier sind wohl die schlimmsten, verrücktesten und bescheuertsten Autofahrer die es gibt auf der Welt. Niemand überholt so waghalsig und fährt so bekloppt. Und das erleben wir nun in einem total überladenen Auto.

Im Fahrerhaus des Abschleppers erleiden wir Todesängste, als der Fahrer in unglaublicher Geschwindigkeit auf nasser Straße ohne Bremswirkung irre gefährliche Überholmanöver startet, viel zu schnell die Kurven nimmt und einfach unglaublich schnell fährt. Vor allem ich habe solche Angst, dass wir den Fahrer mehrmals bitten langsamer zu fahren. Aber er lacht nur. Er sagt ihm wird dann langweilig. Immer wieder spielt er zudem an seinem Handy – man sollte meinen das finden wir zusätzlich gefährlich aber nein: ganz im Gegenteil. Wenn er am Handy spielt fährt er wenigstens ein paar Km/h langsamer. Nach unendlich langen 3 Stunden erreichen wir Tiflis.

Anstatt im Stadtverkehr langsamer zu fahren schläft er am Steuer bei halsbrecherischer Geschwindigkeit nun fast noch ein. Und dann kennt er auch noch eine „Abkürzung“ durch die Stadt. Wir fahren durch immer kleinere verwinkeltere Gassen mit tiefhängenden Stromkabeln, alleine unsere 3m Fahrzeughöhe hätten uns zu denken gegeben aber Balu steht ja noch auf einem Auto.

Als wir die Werkstatt erreichen bin ich am Ende mit den Nerven. Der Fahrer kann nur lachen – als der Mann vom georgischen Automobilclub kommt erzählt er ihm wohl erst mal die Geschichte der zwei Deutschen die wie die Weicheier gejammert haben während der ganzen Autofahrt.

Die sind einfach irre, die autofahrenden Georgier!

Nach 2 Tagen in der Werkstatt läuft Balu scheinbar wieder und wir können unsere Fahrt nach Armenien fortsetzen.

Ein Gedanke zu „Der Lagodekhi Nationalpark: wilde Natur, wilde Trinkkultur und wilde Abschleppfahrt

  1. Ihr Lieben,
    was für ein Erlebnis!! Ich finde die Gastfreundschaft so beeindruckend in ländlichen Gegenden. Wenigstens war das Warten angenehm. Bei der langen Fahrt anschließend hattet ihr noch Glück, heil anzukommen. Na, Hauptsache Balu geht es wieder gut. Euch natürlich auch😂
    Liebe Grüße, Selda.

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