Iran

Von der Wüste Lut über die farbigen Berge an den Persischen Golf

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Iran: Lut_Beitragsbild

In die Wüste Lut // Durch die farbigen Berge //  Ein Abstecher nach Arg-e Rayen // Am Persischen Golf erleben wir iranische Traditionen

Das Wärmeparadoxon

Das eisige Wetter verfolgt uns weiterhin. Als wir die Vorhersage von -6 Grad für unsere Nacht in Kerman sehen steht unser Entschluss fest: weiterfahren! Denn hinter Kerman endet das Hochplateau, auf dem fast der gesamte Iran liegt. Lediglich die Küste ist niedriger gelegen und – die Wüste Lut. Wir entscheiden uns trotz später Stunde weiter zu fahren, der Kälte davon. Doch bevor es runter geht, geht es hoch hinauf. Hinter Kerman müssen wir erst noch einen Pass passieren, auf dem wir dem Schnee bedenklich nahe kommen. Doch dann wird es schnell und merklich wärmer! Kerman liegt auf 1755m. Shahdad, der Oasenort vor der Wüste auf etwa 452m. Der höchste Punkt des Passes liegt auf über 3.000 Höhenmetern. Auf den knapp 60 km vom Pass nach Shadad überwinden wir so in kürzester Zeit 2.500 Höhenmeter!

Iran: Wüste Lut in Sicht
Wüste Lut in Sicht
Auf ins Wüstencamp

Das Beste an der Sache ist jedoch: mit jedem schwindenden Höhenmeter wird es wärmer und wärmer. Anstatt bei -6 Grad verbringen wir die Nacht bei muggeligen 15 Grad im Wüstencamp. Anstatt in Shadad halt zu machen sind wir nachts noch im Wüstencamp aufgeschlagen (Koordinaten: 30.57873, 57.85185). Wobei „camp“ eher übertrieben ist. Zwar scheint eine Schulklasse hier zu übernachten und zündet gerade eine Lagerfeuer an, doch sind wir ansonsten die einzigen „Gäste“. Ein freundlicher Iraner zeigt uns wo wir stehen können und wir bekommen sogar Strom für umsonst… weiter interessiert sich die nächsten Tage niemand groß für uns, auch wenn das Gelände ab und zu von anderen Iranern besucht wird und vor allem Donnerstagabend (Wochenende im Iran) gut besucht ist. 15 Männer und Frauen steigen aus zwei Kleinbussen aus, belagern uns mit Fragen zu unserem Privatleben und Balu, machen hunderte Selfies, steigen zurück in ihre Busse und fahren weiter. Was war das denn? Wir wissen es nicht. Doch diese iranische Wandergruppe fährt weiter in die Kalouts, die auch wir sehen wollen!

Iran: Wüste Lut - Wüstencamp
Wüstencamp in der Lut

Vom Camp aus können wir gemütlich in die Kalouts oder auch Yardang-Formationen spazieren. Immer wieder kann man einen festeren Sandhügel passieren um dann wieder in einem sandigen Tal herauszukommen und über den nächsten festen Sandhuggel zu klettern. Die Wüste Lut (Dasht-e Lut) ist die größte des Irans und umfasst 166.000 km2, wir könnten das Auf- und Ab Spielchen also ewig treiben. Doch wir belassen es bei einem Spaziergang. Auch hier eröffnet sich uns schon vom ersten Kalout an die Weite der Wüste und Sonderbarkeit der Landschaft. Die bizarren Sedimentformationen stehen dynamisch und größtenteils stromlinienförmig in der Landschaft. Dazwischen feiner Sand.

Iran: Wüste Lut
Inmitten der Lut
Die grüne Oase

Nach ein paar erholsamen Tagen im Camp machen wir einen kurzen Einkaufsausflug nach Shahdad um unsere Vorräte aufzufüllen. Und wie stets im Iran ergibt es sich: ist man ratlos und auf der Suche kommt sogleich ein hilfsbereiter Iraner, der die Ratlosigkeit schon von weitem gesehen hat an und hilft dir! Wie wir so ziellos durch die Stadt fahren auf der Suche nach einer Quelle für Trinkwasser treffen wir Eddy, der uns direkt zu seinem Haus führt. Aus seinem palmenreichen Garten dürfen wir soviel Trinkwasser abzapfen wie wir benötigen. Auch in sein Haus lädt er uns ein und auf ein Bier in der Wüste.

Auf dem Weg von Shadad in die Wüste können wir die weitläufigen Qanate sehen. Große Sandhaufen mit Löchern oben in der Mitte durchziehen in einer endlos scheinenden langen Reihe die Wüste. Die Qanate sind Kanäle, die der Frischwasserbeförderung in der Wüste dienen. Die Löcher sind vertikale, brunnenartige Zugangsschächte.

Iran: Wüste Lut Quanat
Quanat bei der Wüste Lut

 

Auch UNESCO hat sich verewigt

Denn unser Ziel ist erneut die Lut! Wir haben noch nicht genug. Weiter im Norden soll es noch größere Kalouts geben. Das möchten wir mit eigenen Augen sehen. Außerdem zieht es uns näher zum wärmsten Ort der Erde, nachdem wir nun die letzten Wochen lange genug gefroren haben. Weiter nördlich führt die Straße, die übrigens super geteert ist, mitten durch die Wüste nach Afghanistan und Pakistan. Hier kommen wir auch an die Stelle, wo das unübersehbare UNESCO-Schild steht, das die Wüste Lut rühmt.

Iran: Balu posiert vor den Kalouts
Balu posiert vor den Kalouts
Großer Sandkasten vs. großes Sandgrab

Während der westliche Teil der Wüste, in dem wir uns befinden, die berühmten Reliefformen aufzeigt, gibt es im Osten bis zu 420m hohe Dünen. Das macht die Lut auch zu einem beliebten Spielplatz für 4×4 und Expeditionsfahrzeuge sowie alle anderen abenteuerlustigen Fahrer mit offroadfähigem Untersatz. Ein Ausflug in diese Wüste ist allerdings nicht ganz ungefährlich. Das unendlich weite und heiße Gebiet ist äußerst lebensfeindlich in vielerlei Hinsicht. So verlaufen innerhalb der Wüste die Schmuggelrouten aus Afghanistan und Pakistan. Ganze Camps soll es hier geben. Außerdem führt der Iran hier Raketentests durch. Der ein oder andere hat auch schon Raketensprengköpfe im Sand gefunden. Zudem sind in der Lut eine Menge Minen vergraben, deren genaue Position nicht mal dem iranischen Militär bekannt ist. Und nicht zu vergessen sind die ganz „normalen“ Gefahren vom Steckenbleiben bis zum Verdursten. Schlussendlich kein so attraktiver Ort um zu tief auf Abenteuer-Reise zu gehen!

Iran: Karawanserei in der Lut
Karawanserei in der Lut

Sicherlich sind die straßennahen Pfade und bekannten GPS Tracks ungefährlich. So fahren wir ca. 2km in die Wüste auf einer gut befahrbaren Piste. Immerhin ist Balu kein Wüstenfahrzeug und im Sand spielen ist nicht so sein Ding. Aber die Strecke kann er gut bewältigen. Dort finden wir zwischen sehr hohen Kalouts ein schattiges Plätzchen, auf dem wir ganze 3 Nächte bleiben können ohne auch nur einen Menschen zu sehen (Koordinaten Ausgangspunkt Straße: 30.85156, 57.81973). Die Wüste scheinen wir für uns zu haben! Auf der Anhöhe einer Kalout machen wir es uns bequem und genießen den Ausblick.

Iran: what a fabulous Ausblick auf die Kalouts
what a fabulous Ausblick auf die Kalouts
Einfach nur schön! Die bunten Berge.

Doch so schön die Abgeschiedenheit und Ruhe auch ist – wir haben einen Termin! Das hatten wir lange nicht. Kein Zeitdruck, kein Termindruck für so viele Monate. Doch jetzt haben wir ein Visum das abläuft in der Tasche. Im Iran dürfen wir 30 Tage bleiben und möchten um weitere 30 Tage verlängern. Das können wir in Bandar Abbas hoffentlich tun. Anstatt über Kerman zu fahren nehmen wir die Abkürzung durch die Berge in den Süden. Eine sehr gute Entscheidung wie sich heraus stellt. Kurz bevor wir auf die Hauptstraße im Süden zurückkehren kommen wir an wunderschönen farbenprächtigen bunten Bergen vorbei (Koordinaten: 29.689599, 57.77685). Die leuchten in so vielen Farben, wie man es einem Berg gar nicht zugetraut hat, gleichzeitig.

Iran: bunte Berge
Die bunten Berge zwischen der Wüste Lut und der Festungstadt Arg-e Rayen

 

Eine Wüstenfestung: Rayen

Eigentlich steht Arg-e Bam, die Wüstenburg auf dem Plan eines jeden Touristen. Leider wurde die Zitadelle und historische Stadt bei dem schweren Erdbeben 2003 fast vollständig zerstört. Trotz vorangehender Aufbauarbeiten entscheiden wir uns stattdessen für den Besuch von Arg-e Rayen. Diese imposante Festungsstadt ist noch sehr gut erhalten (bzw. restauriert) und vermittelt einen gelungenen Eindruck einer mittelalterlichen persischen Festungsanlage.

Iran: Arg-e Rayen
Arg-e Rayen

Der Eintritt kostet ca. 3,50€ p.P. Wir können uns innerhalb der Festungsmauer frei bewegen, auf der Mauer entlang spazieren und auf die Dächer steigen. Die Anlage enthält Wohngebäude, Wirtschaftsgebäude, Gebetsräume und eine Zitadelle. Durch die Mauern zu streunen vermittelt uns ein mittelalterliches Gefühl. Die Zitadelle ist in einem sehr guten Zustand und bietet zudem einen super Blick auf den Rest der Stadt innerhalb der Mauern. Der Besuch von Arg-e Rayen hat sich wirklich gelohnt um einen Eindruck der persischen Lebensweise vor bis zu 1000 Jahren zu bekommen.

Iran: in der Festung Arg-e Rayen ist vieles renoviert
In der Festung Arg-e Rayen ist vieles renoviert
Meerblick

Auf der Strecke zur Küste des Irans wird das Klima deutlich wärmer. Entlang der Straße sehen wir nun immer wieder Palmen und große Palmenfelder. Erst abends erreichen wir endlich den persischen Golf bei Bandar Abbas und gleichzeitig die Straße von Hormus – der schmalsten Stelle im Persischen Golf mit einer Ausdehnung von nur 55km. Auf einem großen Parkplatz an einem Park am Meer finden wir eine Lücke und parken Balu. Heute ist Yalda-Nacht, die längste Nacht des Jahres, und im Park steppt der Bär! Denn die Iraner feiern in dieser Nacht den Anfang vom Ende der langen dunklen Nächte. Was vorher wegen der Kälte nicht möglich war erleben wir nun in vollem Ausmaß: die iranischen Familien stürmen den Park und an jeder denkbaren Stelle ploppen Pop-up Zelte aus dem Boden. Sogar direkt neben unserem Bus-Eingang auf dem Parkplatz und überall stehen Zelte, liegen Teppiche und genießen Familien gemeinsam den Abend.

 

Zelten, zelten, zelten

Diese Zelt-Kultur wird aber nicht nur an speziellen Feiertagen gepflegt sondern ist charakteristisch für den Iraner. Bei jeder Gelegenheit, vorzugsweise natürlich am Wochenende zieht es das freundliche Volk auf die Straße, in die Natur und in die Parks. Da wird der Teppich ausgerollt, Tee verteilt und Sonnenblumenkerne geknabbert. Für über-Nacht Ausflüge kann dann an jeder beliebigen Stelle (gerne auch an Straßen) das Zelt rausgeholt werden. Auch der Kebab-Grill darf nicht fehlen und schon gibt es einen gemütlichen Familienausflug.

 

Weitere iranische Traditionen: Hochzeiten und Alkohol

Neben dem Zelten gibt es noch unendlich viele andere irnische Traditionen. Eine weitere durften wir hautnah in Bandar Abbas erleben: eine iranische traditionelle Hochzeit. Wir trafen Hamid und wurden direkt in sein Haus auf ein/zwei Whiskey eingeladen. Außerdem hat er uns spontan zu einer traditionellen Hochzeit mitgenommen. Dort angekommen haben wir uns in einer Gasse mit anderen Hochzeitsgästen versammelt. Hier standen bereits 2 Kamele bereit und Musiker haben lautstark mit ihren Instrumenten um Aufmerksamkeit und Anerkennung in Form von Geldscheinen gespielt. Die Gäste haben den Musikern die Geldscheine an die Schweißnasse Stirn geklebt. Irgendwann kam der Bräutigam und bestieg eines der Kamele. Das andere sollte die Gastgeschenke tragen und trug außerdem die Mutter des Bräutigams. Dann zog die musikbegleitete Prozession durch die Gassen bis zu einem großen Sportplatz. Bilder dürfen bei diesem Anlass eigentlich nicht gemacht werden, da keine Frauen fotografiert werden sollen.

Die Braut hat derweil ihre eigene Party irgendwo anders. In der Mitte des Sportplatzes ist bereits ein großer Teppich vorbereitet. Die engsten Familienangehörigen nehmen darauf Platz. Hier beginnt die Übergabe der Hochzeitsgeschenke. Allerdings nur z.T. materieller Geschenke, hier wechselt vor allem Geld den Besitzer. Ein Moderator führt die Show. Er bekommt das Geld gereicht und dazu gesagt von wem und wie viel. Das sagt er dann durchs Mikro, es folgt schallender Applaus. Die engste Familie schenkt schon mal mehrere tausend Euro, was in Rial mehrere Millionen sind. Da dieser Betrag in einer Schubkarre überreicht werden müsste, wird etwas unromantisch per Kreditkarte bezahlt. Ein Kartenlesegerät ist dafür selbstverständlich vorbereitet! Sämtliche Geldgeschenke werden in ein großes Buch eingetragen. Das dient wohl vor allem der Erinnerung. Hamid erzählt uns, wenn er Geld schenkt, ist die beschenkte Familie verpflichtet bei seiner Hochzeit, oder der seiner Kinder, einen ähnlichen Betrag zu schenken. Ein Geben und Nehmen. Die Prozedur zieht sich, Hamid möchte lieber Whiskey trinken. Im Iran verboten aber einfacher umsetzbar als gedacht: einfach kurz den Kurier angerufen, schon wird der Alkohol nach Hause geliefert. Wie beim Pizzaservice in Deutschland!

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